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Ethik und Theologie

Schopenhauer sagt: "Mitleid ist die Grundlage der Moral."

"Wer heute eine Scheibe Fleischwurst auf dem Brötchen hat, kann ziemlich sicher sein: Dem Schwein, aus dem sie gemacht ist, wurden im Alter von vier Tagen ohne Betäubung die Hoden abgeschnitten, damit sein Fleisch später schmeckt. Auch wird ihm der Ferkelzüchter wahrscheinlich die Eckzähne abgeschliffen und mit einem heißen Draht den Schwanz gekürzt haben. Den Rest seines rund sieben Monate langen Lebens wird das Schwein Tag und Nacht dicht gedrängt mit seinen Artgenossen im Stall gestanden haben und langsam immer weiter abgestumpft sein, bis es kurz vor der Schlachtung mehr als hundert Kilo wog und auf weniger als einem Quadratmeter eingepfercht war.
Einem deutschen Masthähnchen ergeht es nicht besser. Es bekommt als Küken die Schnabelspitze gekürzt, oft bis tief ins Nervengewebe, und erkrankt im Laufe seines kurzen Lebens voraussichtlich an einer Fußballen-Entzündung, weil es im eigenen Kot steht und der Stall viel zu selten ausgemistet wird..."
(Zitiert aus der Welt am Sonntag, 4.12.2011)
würde

Erschienen April 2016

Prof. Dr. Kurt Remele

>>Der Sozialethiker und katholische Theologe Kurt Remele hat sich in Österreich als Tierethiker einen Namen gemacht. Als Professor für Sozialethik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Graz plädiert er in zahlreichen Vorträgen und Publikationen für eine tierfreundliche theologische Ethik, in der Tiere nicht instrumentalisiert, sondern als empfindungsfähige Mitgeschöpfe ("sentient beings") respektiert werden. Remele kritisiert eine einseitige christliche Anthropozentrik und fordert die christlichen Kirchen auf, ihre eigenen tierfreundlichen Traditionen wieder zu entdecken und von anderen Religionen und neueren philosophischen Ethikansätzen zu lernen. Zu diesem Thema ist soeben auch sein Buch erschienen: "Die Würde des Tieres ist unantastbar - eine neue christliche Tierethik". Seit 2009 ist Remele Fellow des von Prof. Andrew Linzey geleiteten Oxford Centre for Animal Ethics. Remele ist verheirateter Vater von drei Kindern, ist Vegetarier, hat einen Hund und lebt in Graz.<<

Ö1/ Logos, Theologie und Leben  9.4.2016

Prof. Dr. Kurt Remele, Theologe

car3d668314a01b0ee47013Rainer Hagencord, der glaubt, dass Gottes Paradies auch Tieren offen steht

SZ Interview 13.12.2014
Auf dem Petersplatz hat Papst Franziskus einen Jungen, dessen Hund gestorben ist, mit den Worten getröstet: „Das Paradies steht allen Kreaturen Gottes offen.“ Zuletzt waren einige Katholiken noch davon ausgegangen, dass das Paradies nur menschlichen Seelen offensteht.

SZ: Herr Hagencord, Sie sind katholischer Priester und Leiter des europaweit einmaligen Instituts für Theologische Zoologie in Münster. Wie beurteilen Sie die Aussage von Franziskus?
Rainer Hagencord: Das ist natürlich ein Paradigmenwechsel. Andererseits ist dieser Ansatz aber durchaus biblisch. Schon Jesus sagt:„Verkündet das Evangelium allen Geschöpfen.“ Betrachte ich die Metapher des Garten Eden, so sehe ich: Im Gegensatz zum Menschen haben die Tiere diesen Garten nie verlassen müssen.
SZ: Die NewYork Times hat Franziskus’ Aussage einen großen Bericht gewidmet. Es heißt, der Satz habe sich vor allem unter amerikanischen Tierschützern wie ein Lauffeuer verbreitet. Können Sie sich da erklären?
Rainer Hagencord: Die christliche Theologie hat die Natur in den vergangenen 500 Jahren fast komplett aus dem Blick verloren. Da sind Tiere zur Ressource verkommen. Bestenfalls zu Statisten vor einer hübschen Kulisse. Doch das haben die biblischen Autoren so nie gesehen. Und weil der Papst ein schlauer Mann ist, versucht er das nun zu ändern. Schließlich offenbart sich Gottes Geist auch in Puten, Schweinen, Rindern.
SZ: Wirklich? Bei vielen Menschen hat man eher den Eindruck, er offenbart sich in Pudeln, Katzen, Hamstern. Schreit die allgegenwärtige Vermenschlichung von Haustieren nicht zum Himmel?
Rainer Hagencord: Und ob. Ich würde all jenen recht geben, die sagen, dass es gegenwärtig nur noch zwei Kategorien von Tieren gibt. Die einen verwöhnt man mit Haustierfutter, die anderen werden dazu verarbeitet. So geht das nicht! Ich kann nicht mein eigenes Tier auf einen Thron setzen und gleichgültig gegenüber denen sein, die in der Dose enden. Interessant ist allerdings auch, dass Tiere in Deutschland bis 1996 juristisch „bewegliche Sachen“ waren. Damit wird bis heute viel Schlimmes in der industriellen Tierhaltung legitimiert. Selbst laut dem neuen Tierschutzgesetz ist es kein Problem, Ferkel unbetäubt zu kastrieren oder Puten die Oberschnäbel abzuschneiden. Zynisch.
SZ: Gut, aber Ratten und Wegschnecken im Paradies? Das kann der Papst doch nicht ernsthaft meinen.
Rainer Hagencord: Nicht umsonst hat er sich den Namen Franziskus gewählt. Bei dem war Tierliebe auch alles andere als sentimental. Es ist generell gut, dass wir in unserer heutigen Gesellschaft wieder mehr an Tiere denken. Umso mehr fällt es auf, dass die Kirchen zu diesem Thema viel zu lange geschwiegen haben. Dabei verwies schon Thomas von Aquin auf die wunderbare Gott-Unmittelbarkeit von Tieren, die wir als Menschen längst verloren haben.
SZ: Und was passiert mit Kindern, die Regenwürmer zerreißen?
Rainer Hagencord: Das wird hoffentlich nur eine Phase sein.

papstbenedikt_160Papst Benedikt XVI. hielt am 22.9.2011 eine viel beachtete Rede im Deutschen Bundestag:

Er sagte mit Blick auf das Auftreten der ökologischen Bewegung in den70er Jahren:
" ... Jungen Menschen war bewusst geworden, dass irgendetwas in unserem Umgang mit der Natur nicht stimmt. Dass Materie nicht nur Material für unser Machen ist, sondern dass die Erde selbst ihre Würde in sich trägt und wir ihrer Weisung folgen müssen .... Wir müssen auf die Sprache der Natur hören und entsprechend antworten."

Das aufgeklärte Europa hat spätestens seit Kant ein Problem: Gegen über einem Gott und seiner Schöpfung hat der Mensch keine Pflichten mehr, lediglich gegenüber anderen Personen. Denn im Denken Kants gibtes nur noch Personen und Sachen; ersteren kommt eine Würde zu, ihnen gegenüber gibt es sittliche Verpflichtungen.
Nicht aber gegenüber der Natur und in Folge den Tieren, die zu den Sachen gehören. Das ist die philosophische Grundlage unseres neuzeitlichen Denkens, die letztlich dazu geführt hat, dass die Natur nur noch als nutzbare Ressource verstanden wurde, die keinen unabhängigen Wert - keine eigene Würde hat. Dieser Ansatz liefert letztlich die
Rechtfertigung einer Tierhaltung. in der Hühner, Schweine und Rinder behandelt werden wie der Rohstoff einer Eier-, Fleisch- und Milchindustrie.

Vor diesem Hintergrund ist das Wort von Papst Benedikt von der Würde der Erde eine Provokation, denn von der Würde der Erde ist der Schritt zur Würde der Tiere (und Pflanzen) geradezu zwingend. Und zudem ganz in der Linie der jüdisch-christlichen Botschaft, wie sie in den biblischen Mythen aufleuchtet, etwa von der Arche Noah und den Tieren im Garten Eden.
Aber auch die Erkenntnisse der modernen Verhaltens- und Evolutionsbiologie kommen hinzu und fragen die Sonderstellung des Menschen im Gesamt des Lebendigen zutiefst an: es trennt uns kein unendlicher Graben von den Schimpansen, Schweinen und Delphinen.
Von der Würde der Erde, von der Würde der Tiere und den Folgen einer neuen Wertschätzung gilt es zu sprechen. Und es gilt sie einzubringen in die ökologischen Debatten um eine verantwortbare Landwirtschaft und Tierhaltung im vermeintlich "christlichen Abendland".

foer_160Jonathan Safran Foer: "Tiere essen"

Der Erfolgsautor Jonathan Safran Foer beschäftigt sich in seinem Buch "Tiere essen" mit der industriellen Landwirtschaft und kommt zu dem erschütternden Befund, dass wir einen Krieg führen gegen die Tiere, die wir essen; dieser Krieg sei relativ neu und hat einen Namen: "Massentierhaltung."
Diese Art der Tierhaltung ist nicht nur deshalb problematisch, weil hier Tiere in großen Mengen gehalten, gezüchtet und geschlachtet werden, sondern wegen der sich darin zeigenden Geisteshaltung.
Es handelt sich um ein System der intensiven und industriellen Landwirtschaft, in dem Puten, Hühner, Schweine etc. oft zu Zehn- oder Hunderttausenden genetisch verändert, in ihren Bewegungsmöglichkeiten eingeschränkt werden und unnatürliches Futter erhalten, angereichert und mit Antibiotika versetzt.
Dass Schweinen die Schwänze "kopiert" und Puten die hoch sensiblen Oberschnäbel amputiert werden; dass Masthühner so gefüttert werden, dass das Knochenwachstum mit dem Fleischwachstum nicht mitkommt und die Tiere am Ende sich vor Schmerzen nicht mehr bewegen können, all das wird - um der Rendite willen - in Kauf genommen und verharmlost.
Weltweit stammen heute jährlich etwa 450 Milliarden(!) Landtiere aus der Massentierhaltung; für Fische gibt es keine Zahlen. In den USA werden 99 % aller Landtiere, deren Fleisch, Eier oder Milch verkauft werden, in Massentierhaltung gezüchtet. Die Verhältnisse in Deutschland entwickeln sich in die gleiche Richtung.
Dahinter steckt eine Umkehrung des Verhältnisses von Mensch und Natur: Jahrtausende lang orientierte sich die Landwirtschaft an den Zyklen und den Gesetzen der Natur; in der Massentierhaltung definiert der Mensch - der "Agraringenieur" - die Bedingungen und Gesetze, nach denen sich die Natur zu richten hat: Die Produktionskosten werden rücksichtslos minimiert; dabei werden die langfristigen Schäden wie Umweltzerstörung und Krankheiten bei Mensch und Tier systematisch ignoriert.
Wenn wir es mit der Bewahrung der Schöpfung ernst meinen, braucht es einen neuen Lebensstil; denn die Küken und Jungrinder sind keine Rohlinge der Fleischindustrie, sondern Gottes Geschöpfe, die zumindest bei ihm allesamt(!) einen Namen haben.

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